Führen und sich führen lassen – worauf es im Leben wirklich ankommt (Teil 1)

Einer meiner größten Lebenslehrer war Aikido – Die friedliche Kampfkunst. Diese Bezeichnung mag sich auf den ersten Blick widersprüchlich anhören, doch immer da, wo scheinbare Gegensätze aufeinanderprallen, wird es spannend – im wahrsten Sinne des Wortes. Dynamik kommt ins Spiel und etwas Neues kann entstehen.

So auch im Aikido. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich begriff, wie viel wertvoller es ist, zunächst die Prinzipien zu verstehen, anstatt sich jahrelang mit Technikdetails herumzuplagen, ohne die Zusammenhänge zu begreifen.

Inzwischen sind die Aikido-Prinzipien zu einem festen Bestandteil meines Lebens und meiner inneren Haltung geworden.

In diesem und den folgenden Artikeln zeige ich Dir anhand von 5 Aikido-Prinzipien, worauf es aus meiner Sicht im Leben wirklich ankommt, wenn Du ein friedvolles und selbstbestimmtes Leben führen möchtest.

 

Prinzip 1: Gewaltlosigkeit

Begegne der Kraft des Gegners niemals mit der eigenen Kraft

Manchmal fühlen wir uns im Leben angegriffen, herausgefordert, bloßgestellt …. Etwas hat uns getriggert, wie man so schön sagt. Der erste Impuls ist da oft eine Art Gegenwehr, wir meinen uns verteidigen zu müssen, dagegen zu sein, oder überzeugen zu müssen. Tief innen glauben wir dann, wir müssten unseren eigentlichen Wert unter Beweis stellen.  Schnell kann sich da ein plötzlicher Kampf entwickeln, dem man den Titel „Meins ist besser als Deins“ geben könnte. Das ist die übliche Form der Konkurrenz, wie sie – nicht nur in der Arbeitswelt – noch immer weit verbreitet ist. Dabei kostet sie uns nur unnötige Energie.

Wie oft ergeben sich daraus psychologische Spiele, in der es Retter, Opfer und Verfolger gibt. Wir erkennen sie daran, dass sich irgendwann alle dabei unwohl fühlen, die Emotionen hochkochen und alle vom eigentlichen Ziel abgelenkt sind. Die tieferen Ursachen sind meist ein Mangel an Selbstwertgefühl oder Unklarheit über die eigenen Bedürfnisse und Ziele.

Drama heißen diese Spiele und werden in der Transaktionsanalyse gerne in Form des Drama-Dreiecks dargestellt.

Irgendeine Form von Drama hat wohl jeder im Laufe seines Lebens schon einmal erlebt. Die meisten von uns haben sogar im Drama-Dreieck eine Lieblingsrolle, in die wir schlüpfen, wenn wir nicht achtsam auf die eigene Prägung und unsere eingefahrenen Muster sind. Einfach, weil uns diese Rolle so vertraut ist und insofern eine Art Komfortzone darstellt.

Wie gelingt nun ein Ausstieg aus dem Drama-Dreick?

Je bewusster wir werden, desto eher bemerken wir die Spiele und stellen fest, dass unsere bisherige Komfortzone gar nicht so komfortabel ist. Je mehr uns unsere wahren Ziele bewusst werden, desto leichter fällt es uns, aus diesen Spielen auszusteigen. Wir besinnen uns dann auf unser eigenes Zentrum, als Symbol für unseren Selbstwert und unser inneres Zuhause und halten unsere Ziele fest im Blick.

Der Weg dorthin braucht Zeit und Übung. Das Zentrum will erst erspürt und dann genährt werden, indem wir uns von allem lösen, was einer aufrechten Haltung im Wege steht und alles hinzufügen, was uns sicher und fest sein lässt.

Gewaltlosigkeit entsteht durch Bewusstsein, Gelassenheit und einem sicheren Stand

Im Aikido üben wir im Grunde genau das: Den eigenen Standpunkt festzulegen, die eigene innere Mitte finden, das Zentrum (in dem Fall das Körper-Zentrum) zu spüren, und von dort aus die Kraft und die Bewegung samt Gegner durch den Raum zu lenken.

Wer selbst Aikido übt, weiß, wieviel es dabei zu spüren und zu beachten gibt. Ja, ums spüren geht es hier. Auch Aikido kann mehr Weiblichkeit vertragen.

Alles fängt an mit der inneren Ausrichtung, der dann die äußere aufrechte Haltung folgt. Auch jede Übung, jede Technik beginnt damit, sich den eigenen Standpunkt bewusst zu machen, in Bezug auf den Raum, auf den Standpunkt des Übungspartners und auf dessen vorausgeahnten Absichten.

Im Aikido nehmen wir das alles stillschweigend wahr. Dabei üben wir uns in Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. Auftauchende Emotionen lassen wir im Idealfall vorüberziehen wie in einer Meditation. Volle Präsenz ohne Anhaftung ist hier gefragt, und genau das beschreiben so viele Übende als eine wahre Wohltat.

Im Aikido gibt es klare Regeln, die allen bewusst sind. Deshalb funktioniert diese Art zu üben gut. Übertragen auf den Alltag helfen uns oftmals Fragen, um die eigenen Empfindungen in Bezug zum tatsächlich Ausgesprochenen und dem inneren Standpunkt des Anderen in Erfahrung zu bringen:

Warum sagt Du das?

Wie meinst Du das?

Warum ist Dir das so wichtig?

… könnten wertvolle Fragen dafür sein und so manchen Kampf um „Meins ist besser als Deins“ vermeiden.

So erhalten wir eine objektivere Einschätzung für die tieferliegende Absicht des Anderen und erweitern unser Bewusstsein. Erst im Erkennen der wahren Absichten und Gegensätze, wird das Neue sichtbar. Dafür müssen wir uns bewegen und die Sicht des Anderen einnehmen. Wir werden herausgefordert und finden so den Weg zu einer friedlichen Lösung auf einer anderen Ebene des Umgangs miteinander.

Unsere eigenen Ziele aus den Augen verlieren, müssen wir dafür nicht. Vielleicht aber tauch ein neues, noch viel attraktiveres Ziel in unserem Bewusstsein auf.

Bewusstseinserweiterung ist im Grunde nichts anderes, als neue Sichtweisen zuzulassen. Entweder kreieren wir daraus etwas Neues, oder beide Meinungen bleiben einfach nebeneinander stehen. So entsteht das Feld der unendlich vielen Möglichkeiten im Alltag.

Was hat Gewaltlosigkeit mit Selbstliebe zu tun?

Im Laufe meiner Aikido-Laufbahn habe ich sehr viele verschiedene Aikido-Stile kennengelernt. Manche fühlten sich hart und gar nicht friedlich an, andere so soft und energielos, dass ich auch da meine Zweifel hatte, ob das noch im Sinne des Erfinders war.

Anfangs war ich mit diesen Empfindungen so beschäftigt, dass es mir nicht leichtgefallen ist, das Gleiche in den scheinbaren Unterschieden der Stile zu erkennen. Etliche Trainer behaupteten, nur ihr eigener Stil sei das wahre Aikido und das der anderen sei eigenwillige Interpretation. Soviel zum Thema Aikido und Bewusstseinserweiterung. Wie überall, so liegt es auch im Aikido bei jedem Einzelnen, das „wahre“ Aikido selbst herauszufinden. Aber bis das für einen Aikido-Übenden (auch Aikidoka genannt) wirklich möglich ist, dauert das meist viele Jahre. Wer wirklich verstehen will, muss durchhalten.

Bis dahin ist Aikido immer Interpretation, denn alles im Leben können wir nur so ganzheitlich nachempfinden, wie wir als Mensch ganzheitlich empfinden und verstehen können. Das hat auch mit unserem Weltbild zu tun. Und mit unserem „Mindset“, wie man heute so schön sagt.

Jeder schaut durch seine eigene Brille und jeder geht seinen ganz eigenen Weg, um die Schönheit des Ganzen im Detail zu finden. Das ist im Aikido nicht anders als in der Physik oder der Philosophie, auch wenn es dabei immer ganz klare Regeln zu beachten gibt.

Aus meiner heutigen Sicht möchte ich folgende Aussage wagen:  Aikido hat mit viel mit Liebe zu tun, mit Selbstliebe und mit Menschenliebe im Allgemeinen. In einer Übungsgruppe spürst Du sofort, ob das Training mit Liebe und den zugrundeliegenden Prinzipien geleitet wird, oder ob da jemand Techniken vermittelt, die er nur im Dojo (dem Übungsraum) übt. Wer Aikido jedoch wirklich als einen spirituellen Weg begriffen hat, der lebt diesen auch im Alltag.

Und damit meine ich nicht nur gewisse Formen der Etikette, an die man sich zu halten hat, sondern eine echte Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit samt allem, was sich während der Trainingszeit in Deinem Energiefeld zeigt. Und wenn Du genau hinspürst, ist das eine ganze Menge. Die wenigsten, die ich kenne, treiben Aikido auf diese Weise. Und dennoch profitieren alle davon. Entwicklung geschieht immer.

Am Ende ist Aikido jedoch immer nur so rein wie die Menschen selbst, die es anwenden.

Ein wahrer Aikidoka ist jemand, der sich auf dem Weg des Aiki, dem Weg der Liebe und dem bewussten Umgang mit Energie befindet. Ein solcher Mensch ist niemals in der Retter-, Opfer- oder Verfolger-Rolle. Er tut einfach nur das, was seine Mission ist, nämlich sich selbst und anderen wieder in den Fluss des Lebens zu bringen, und das manchmal auch mit pädagogischer Strenge.

Seine Hauptaufgabe dabei ist es, sich seiner eigenen Muster auf die Schliche kommen und durch bessere, fürs Aikido nützlichere zu ersetzen. Zunächst erforscht der dabei seinen Körper. Mit der Zeit erkennt er, dass dabei auch sein Geist verändert wurde.

Nicht umsonst heißt es im Aikido:

Der wahre Sieg ist der Sieg über Dich selbst.“

 

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Dann freu Dich auf vier weitere Beiträge zu den Aikido-Prinzipen des Lebens.
Alle Beiträge stehen unter dem Motto:
„Führen und sich führen lassen – worauf es im Leben wirklich ankommt“.

Die Teile 1-5 behandeln folgende 5 Prinzipien:

1. Prinzip: Gewaltlosigkeit
2. Prinzip: Effektiver Wirkungsbereich
3. Prinzip: Kreis- bzw. spiralförmige Bewegungen
4. Prinzip: Verbunden sein
5. Prinzip: Qi – Die Universelle Lebensenergie

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In den folgenden Blogartikeln spreche ich jeweils über ein weiteres Prinzip. Der nächste handelt vom eigenen effektiven Wirkungskreis.

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