Führen und sich führen lassen – worauf es im Leben wirklich ankommt (Teil 5)

Über 4 von 5 Prinzipien, die uns Aikido für das Leben lehrt, habe ich in dieser Blogserie

„Führen und sich führen lassen – worauf es im Leben wirklich ankommt.“ bereits berichtet. Heute folgt der 5. und letzte Beitrag, indem es um nichts Geringeres geht als Ki, die universelle Energie, die alles trägt, die alles durchdringt und aus der wir alle gemacht sind.

5. Prinzip: Ki – Die universelle Lebensenergie

Ki ist die in Japan gebräuchliche Bezeichnung dafür und wird gerne übersetzt mit Atem, Dampf oder Lebensenergie. In China ist das Qi oder Chi und in Indien Prana, …

Ki ist ein Phänomen mit heilender Wirkung

Die heilende Wirkung dieses Phänomens habe ich zugegebenermaßen in Übungswegen wie Qi Gong oder Tai Chi viel unmittelbarer erleben können, als im Aikido. Vielleicht, weil die Bewegungsformen dort wesentlich langsamer durchgeführt werden als im Aikido und mehr Achtsamkeit auf die Atmung und die Wirkung dieser Energie im eigenen Körper gelegt wird.

Ki als Phänomen wirklich zu begreifen und zu lenken, ist eine lebenslange Aufgabe. Darüber zu schreiben, fast unmöglich. Ich will trotzdem einen Versuch dazu wagen und damit meine Sicht auf die fünf Lebensprinzipien komplett machen.

Nicht umsonst habe ich für die Anzahl der Prinzipien die Zahl 5 gewählt, um die Weisheit dieser Lebensprinzipien zu beschreiben. Die Zahl 5 steht in der Numerologie für Transformation, für Freiheit, aber auch für Abhängigkeit und Begrenzung. Oder kurz formuliert: Für Freiheit und Disziplin.

Ki ist das ordnende Prinzip

Freiheit und Disziplin. Zwei wunderbare Begriffe, die auch das Wesen von Ki sehr treffend beschreiben, zumindest solange wir einen menschlichen Körper besitzen. Denn als Mensch können wir Freiheit nur über Disziplin erlangen. Insofern können wir Ki auch bezeichnen als “Das ordnende Prinzip“.

Dahinter steckt die Intelligenz einer Energie, die unser menschliches Gehirn nicht annähernd erfassen kann. Aber wir können sie erfahren, mit ihr kommunizieren und unser Leben darin ausrichten.

Jedes Prinzip ist ein Aspekt von Ki

Bei allem, was ich über Ki in diesem Beitrag schreiben werde, ist es deshalb notwendig, auch die anderen Aspekte, die ich bereits in den ersten 4 Prinzipien beschrieben habe, im Hinterkopf zu behalten.

Diese vier Prinzipien handeln von „Gewaltfreiheit“ als das erste Aikido-Prinzip,  das Prinzip vom „Effektiven Wirkungsbereich“ mit der Notwenigkeit der richtigen Positionierung, den Kreis- bzw. spiralförmigen Bewegungen, die im Grunde Antworten suchen auf die Frage „Wer bin ich“ und uns in jeder Situation Freiheit und Spontaneität ermöglichen, und dem 4. Prinzip, das Verbunden sein mit der Quelle unseres Ursprungs, die uns zu dem großen Thema Vertrauen führt und nicht zu verwechseln ist mit einem menschlichen Gefühl der Verbundenheit mit anderen Menschen.

In diesem Beitrag geht es also um das 5. Aikido-Prinzip, Ki, und darum, herauszufinden, was es für uns bedeutet, dieses Ki zu erforschen und zu erkennen. Wie kann Aikido uns helfen, Ki zu begreifen, und wie kann uns das für unser Leben nützen?

Ki ist das alles verbindende Prinzip

Ki ist das alles verbindende Prinzip, ungeachtet dessen, ob wir das so fühlen oder nicht.

In Kriegszeiten ging es oft darum, die Angst vor dem Tod zu überwinden Für Meister Ueshiba war Aikido ein Weg, sich seiner Angst zu stellen und sein Ego zu besiegen. Er erkannte auch, dass es im Leben darum geht, den eigenen Weg zu gehen. Einen integren Weg sozusagen. Und mit der Zeit lernte er, sein Herz für die ganze Schöpfung zu öffnen. Das war sein Aikido: Ein spiritueller Weg zurück zur Einheit.

Der Weg zur Einheit ist ein seelischer Reifeprozess

Dieser Weg ist ein Lernen auf vielen Ebenen und vor allem ist er ein seelischer Reifeprozess, den jeder selbst zu durchleben hat. An dessen Ende steht die Erfahrung, dass alles, was mir begegnet auch ein Teil von mir ist. Ungeachtet dessen, ob er mir gefällt oder nicht. Das ist das zugrundeliegende Prinzip, das es auf unserem Weg zurück zur Quelle zu begreifen gilt.

Die entscheidende Frage ist nun: Wie gehen wir im irdischen Leben ganz praktisch mit den Dingen um, die uns begegnen und uns gefallen oder missfallen?

Aikido lehrt uns, dass es nicht darum geht, ob uns jemand sympathisch ist oder nicht, uns etwas gefällt oder nicht. Das Einzige was zählt, ist die eigene Energie effizient und sinnvoll so einzusetzen, dass möglichst niemand dabei zu Schaden kommt, sondern alle davon profitieren. „Doch manchmal“, so sagte einmal ein Aikido-Lehrer, „muss man jemandem in Liebe den Arm brechen“.

Positives Ki und negatives Ki

Ueshiba unterscheidet positives und negatives Ki. Den Einsatz der Lebensenergie zum Wohle aller ist positives Ki, im Gegensatz zu negativem Ki, das etwas aus der Balance und in die Disharmonie bringt. Negatives Ki erzeugt Gewinner und Verlierer, Krankheit, Leid und Elend.

Unsere Schöpferkraft entspringt dem Ki. Wir können Ki lenken durch unseren Atmen und unsere Aufmerksamkeit. Durch achtsam ausgeführte Körperübungen z. B. öffnen wir unsere Chakren und leiten die Energie durch die Meridiane in alle Körperteile, zum Beispiel im Qi Gong, im Tai Chi oder im Shiatsu. So stärken wir unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden.

Wir können Ki aber auch rein geistig lenken, oder durch unsere Gedanken und Gefühle, indem wir z.B. eine Vision kreieren und sie mit Fokus und Leidenschaft in die Realität bringen.

Manifestieren ist ein Co-kreieren von geistiger und physischer Welt

Manifestieren beginnt immer mit einem geistigen Erschaffen außerhalb unserer bereits bestehenden physischen Realität. Es braucht einen Plan, eine Idee, ein Gedanke. Dann aber muss ein Tun mit unserem physischen Körper erfolgen: Tatkräftiges Handeln, kraftvolles Kommunizieren, entschlossenes Umsetzen.

Dazwischen steht eine Instanz, die uns entweder anfeuert oder ausbremst. Oft sind es innere Stimmen aus der Vergangenheit, die uns ausbremsen. Insbesondere dann, wenn es um das Erschaffen von etwas Neuem geht, und wir dafür unsere Komfortzone verlassen müssen.

Manifestieren verlangt auch innere Arbeit

Manifestieren geht deshalb immer einher mit einem inneren Aufräumen. Nur so lernen wir mit der Zeit, die innere Stimme zu hören, die wirklich etwas zu sagen hat, nämlich das universelle Ki, das Feld hinter dem Feld, die göttliche Kraft, die alles vereint, ernährt und zusammenhält.

Im Aikido erfahren wir sofort, ob wir im Einklang mit dieser Kraft agieren. Sind wir im Flow, frei von Angst und eins mit dem Partner und der Bewegung, so muss sich niemand den Arm brechen. Eher empfinden wir große Freude und fühlen uns wohl. Wir nutzen positives Ki. Der Weg dorthin ist üben, üben, üben, …

Wir können Ki befragen

Im Alltagsleben gilt dieses Prinzip auch. Doch meist sind die Umstände viel komplexer. Wollen wir z. B. wissen, ob unsere Vision mit dem göttlichen Plan übereinstimmt und unserem und dem höchsten und besten Wohle aller dient, so  können wir diese Kraft befragen. Wenn wir stille sind und lauschen, bekommen wir auch eine Antwort. Wir erhalten Zeichen über unsere Intuition, z.B. in Form eines Gefühls, als Synchronizität in unserem Erleben, oder als eine Art innere Gewissheit, was nun der nächste Schritt zu sein hat.

Je besser wir die Sprache der Intuition erlernen, desto besser erkennen wir den Weg unserer Seele. So schaffen wir die Verbindung zwischen der physischen Welt und der geistigen Welt. Beide Welten brauchen einander. Und das verbindende Organ ist unser Herz.

Herz und Hara bringen Klarheit

Das Hara, unser körperliches Kraftzentrum, das im Aikido eine so große Rolle spielt, reicht also alleine nicht aus, um sich mit dem positiven Ki zu verbinden und gutes Aikido zu betreiben. Es braucht auch Klarheit im Geiste, eine Verbindung zur geistigen Welt. Und diese erreichen wir durch das Klären unserer Gefühle und das Heilen unseres Herzens.

Die Kunst zu leben und zu lieben besteht also darin, das eigene Handeln an einem höheren Prinzip auszurichten, anstatt nach der bloßen Laune unseres Egos. Und dieses höhere Prinzip ist Ki, die universelle Kraft, das Tao oder Pachamama, wie es bei den Indianischen Völkern heißt.

Es gibt dabei nicht direkt ein gut oder schlecht, aber es gibt eine Wirkung, an der wir erkennen ob unser Handeln stärkend oder schwächend ist – für uns und unsere Umwelt. Und daran sollten wir unser Tun ausrichten. Heute mehr, denn je.

Das ist es, was Aikido lehrt.

Das Herz des Aikido

„Inmitten von Himmel und Erde stehend,

mit allem durch Ki verbunden,

konzentriert sich mein Geist

auf den Weg, der Widerhall aller  Dinge zu sein.“

„So lautete die Erkenntnis über das Wesen oder Herz des Aikido, und daraus entwickleten sich Meister Ueshibas Gedanken zu den Themen Liebe und Harmonie.“

Aus: Der Geist des Aikido, von  Kisshumaru Ueshiba, Werner Kristkeitz Verlag, 1993.

Im gemeinsamen Rhythmus kannst Du Deinen eigenen erkennen.

Aikido lehrt deutlich, dass ein spiritueller Weg als Mensch auf der Erde immer auch ein körperliches Erleben miteinschließen muss. Wachsen und Reifen ist ein körperliches Erleben verbunden mit einer geistigen Entwicklung. So verbinden wir Himmel und Erde und nähren unsere Seele mit jenen Erfahrungen und Lernerfolgen, für die wir auf die Erde gekommen sind. Aikido ohne eine geistige Entwicklung ist kein Aikido. Aikido ohne die körperliche Erfahrung ist ebenfalls kein Aikido.

Dennoch ist Aikido ein individueller Weg zwischen Himmel und Erde, zwischen Angriff und Rückzug, eintreten und ausweichen, allein und gemeinsam, und das alles in einem gemeinsamen Rhythmus, indem Du Deinen ganz eigenen erkennen kannst.

Lerne viel, aber übernehme nicht alles

Ein Spruch eines japanischen Haiku-Dichters drückt dies in wunerschönen Worten aus:

Folge nicht den Fußstapfen der alten Meister, sondern suche, was sie suchten.

Matsuo Bashō (1644 – 1694)

Oder anderes formuliert: Lerne viel, aber übernehme nicht alles. Nur so kannst Du Dein Eigenes aus dem großen Ganzen herausarbeiten. Auch das ist Positionierung.

Es geht längst nicht mehr um Leben oder Tod

Als Ueshiba Aikido begründet hat, war es nicht üblich, einen Heiler oder Psychologen aufzusuchen, um an der Heilung seines inneren Kindes zu arbeiten. Die Schüler Ueshibas gingen stattdessen durch eine harte Schule, um ihr Ego aufzulösen und um am Ende wirklich wach und präsent zu sein.

Heute haben wir dafür zum Glück sanftere Methoden. Und die sollten wir auch nützen. Wenigstens zusätzlich. Denn es geht schon längst nicht mehr um Leben oder Tod, sondern um unser wertvolles Leben zwischen Geburt und Tod.

Schlüsselwörter dafür sind Gelassenheit durch Selbsterkenntnis. Und die Erinnerung daran, dass wir alle göttliche Wesen sind, die sich respektvoll und auf Augenhöhe begegnen wollen. Ein hehres Ziel, das selbst für Aikidokas immer wieder herausfordernd ist.

Aikido ist ein Weg zum Aufbau einer Weltfamilie

Meister Ueshiba hat deshalb einprägsame Merksätze für uns hinterlassen, von denen ich hier zwei bzw. drei zitieren möchte:

„Der Geist des Aikido lehrt den liebevollen Angriff und die friedliche Versöhnung. Mit diesem Ziel verbinden und einigen wir die Gegner mit der Willenskraft der Liebe. Durch die Liebe können wir andere läutern.“

„Aikido ist in erster Linie Budo, eine Kampftechnik. Darüber hinaus ist es ein Weg, dem Aufbau einer Weltfamilie zu dienen.“

Quelle: Aikido von Kisshomaru Ueshiba (unter der Anleitung von Meister Ueshiba), Tokyo 1974 (s. u.)

Aikido hat zum Zweck, die Arbeit Gottes zu tun

An dieser Stelle erlaube ich mir, noch einmal zu betonen, dass jeder dabei seinen eigenen Weg zu gehen hat, egal, welchem Verband oder Verein er oder sie sich angeschlossen hat. Und unabhängig davon, welchem Lehrer oder Meister er oder sie folgt.

Aikido ist der Weg der Liebe und der Harmonie, den jeder für sich selbst herauszufinden hat. Deshalb sagt Ueshiba:

„Aikido gehört nicht einem Land oder einem bestimmten Menschen, sein einziger Zweck ist es, die Arbeit Gottes zu tun. (… to perform the Work of God).“

 

Unsere Quelle, oder Gott, ist Ki, bedingungslose Liebe, die sich durch uns zum Ausdruck bringen will.

Sie ist eine Intelligenz, die uns einen harmonischen Weg zeigt,

um allein und gemeinsam

zu wachsen und reifen.

Ai Ki Do.

 

Quellennachweis:
In der Hauptsache beziehe ich mich in diesen Artikeln auf das, was ich im Laufe meiner 15-jährigen Aikido-Praxis in unterschiedlichen Quellen gelesen und vor allem praktisch bei teilweise sehr unterschiedlichen Lehrern gelernt habe.

Die wichtigste Buchquelle für diese Artikelserie war für mich: „Der Geist des Aikido“, von  Kisshumaru Ueshiba, dem Sohn und Nachfolger des Aikido-Begründers Morihei Ueshiba als Leiter des Aikikai Honbu-Dojos in Tokyo.

Die Merksätze des Meisters Morihei Ueshiba stammen aus folgender Quelle: Aikido von Kisshomaru Ueshiba (unter der Anleitung von Meister Ueshiba), Tokyo 1974, Honzansha Publishing Co., Ltd., Seite 177 -181. Sie wurden aus dem Japanischen ins Englische überstzt von Kazuki Kanahashi und Roy Maurer Jr., aus dem Englischen ins Deutsche von Walter Rohm, der sich beim Autor dafür entschuldigt, dass dem Text durch die mehrfache Übersetzung Gewalt angetan wurde.

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Vielleicht interessieren Dich auch die anderen Beiträge über die Aikido-Prinzipen für unser Leben. Alle Beiträge stehen unter dem Motto:
„Führen und sich führen lassen – worauf es im Leben wirklich ankommt“.

Die einzelnen Beiträge zu den 5 Prinzipien findest Du hier:

1. Prinzip: Gewaltlosigkeit
2. Prinzip: Effektiver Wirkungsbereich
3. Prinzip: Kreis- bzw. spiralförmige Bewegungen
4. Prinzip: Verbunden sein
5. Prinzip: Ki – Die Universelle Lebensenergie

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