Führen und sich führen lassen – worauf es im Leben wirklich ankommt (Teil 3)

In den ersten beiden Teilen von „Führen und Führen lassen“ habe ich über das erste Aikidoprinzip „Gewaltfreiheit“ und über das zweite Aikido Prinzip, „Effektiver Wirkungsbereich“ gesprochen. Heute geht es weiter mit dem dritten Aikido-Prinzip:

  1. Prinzip: Kreis- bzw. spiralförmige Bewegungen

Das Hauptziel der im Aikido zugrunde liegenden Techniken ist es, uns in jeder Situation Freiheit und Spontaneität zu ermöglichen. Der Schlüssel dazu sind kreisförmige Bewegungen.

Spiralförmige Entwicklung – eine revolutionäre Erkenntnis?

Im Grunde eine revolutionäre Erkenntnis, hatte doch viele Jahrhunderte lang hat das männliche, geradlinig fokussierte Denken und die männliche Wissenschaft Vorrang vor dem Weiblichen gehabt, das übrigens schon immer von der spiralförmigen Entwicklung des Lebens wusste. Über viele Jahrhunderte hinweg wurde das Weibliche für unübersichtlich, dunkel und gefährlich gehalten, und deshalb aus der Sicht der männlichen Wissenschaft streng ausgeklammert, ja sogar die Frauen selbst mit bitterer Strenge davon abgehalten.

Inzwischen haben sich die Frauen den Zugang zu Wissen wieder erkämpft, selbst von den klassischen Männerberufen und männlich dominierten Studiengängen werden sie formal nicht mehr ausgeschlossen.

Dennoch ist die Wissenschaft weitgehend eine rein männliche Struktur geblieben.

Geradliniges Lernen fördert Konkurrenzdenken

So entstanden Methoden, die in den unterschiedlichsten Ebenen des Bewusstseins wirksam sind, entwickelt entlang von Linien, als eine Antwort auf die Frage, wie dies oder jenes verbessert werden kann:

  • Wie kann ich mit meinem Körper dies oder jenes erreichen?
  • Wie kann ich diese Sprache schnell erlernen?
  • Wie kann ich mit meinen Gefühlen besser umgehen?
  • Wie kann ich Naturphänomene verstehen und erklären?
  • Wie kann ich glücklicher werden?
  • Wie kann ich diese oder jene Krankheit heilen?
  • Wie kann ich unliebsame Gewohnheiten loswerden?
  • Wie kann ich meine Schmerzen loswerden?
  • ….

Lernen und Entwicklung wurde so in ein lineares Vorwärtsstreben gezwungen und förderte damit das Konkurrenzdenken und Streben danach besser zu werden im Sinne von besser zu werden als andere, anstatt besser im eigenen Leben zu werden.

Organisches Wachstum ist das nicht. Das zeigte sich auch im Budo.

Kreisförmige Bewegungen als gewaltfreier Weg

Morihei Ueshiba, der Begründer des Aikidos, wurde 1883 in Japan geboren, erlebte die Modernisierung Japans samt russisch japanischem Krieg und dessen Auswirkungen am eigenen Leib und erkannte, dass gewaltvolle Auseinandersetzungen mit dem Ziel zu siegen nur die ewige Spirale von Gewalt und Gegengewalt anstachelte. Es musste einen Weg daraus geben, und er fand ihn.

Er entwickelte folgendes Aikido-Prinzip:

„Wenn Du geschoben wirst, drehe Dich und weiche aus. Wenn Du gezogen wirst, trete mit kreisförmiger Bewegung ein.“ (Kisshumaro Ueshiba, Sohn des Begründers Morihei Ueshiba, in „Der Geist des Aikido“).

Wahres Budo entspricht einer spirituellen Qualität

Dahinter steckt Morihei Ueshibas schlussendliche Erkenntnis, dass der Geist des wahren Budos (Budo = Ausübung der Kampfkünste) eben nicht im Konkurrenzdenken zu finden ist, sondern einer spirituellen Qualität entspricht, nämlich der Suche nach Vervollkommnung als Mensch.

Insofern wundert es vielleicht nicht, dass die Betonung der kreisförmigen Drehungen den visuellen Eindruck eines gleichmäßig fließenden choreografischen Tanzes vermitteln, elegant schwebend, obwohl das Aikido harte Techniken wie direkte Schläge oder Handgelenktechniken lehrt, die von den alten Kampfkünsten übernommen worden sind.

Zu wissen, dass ich mich im Notfall verteidigen kann, reicht meistens schon aus, um mit der Angst vor Angriffen umgehen zu können und das eigene Selbstbewusstsein so zu stärken, dass man gar nicht erst in einen Kampf verwickelt werden wird. Im Grunde aber geht es um etwas viel Größeres.

Entscheidend sind die richtigen Fragen an das Leben

Entscheidend für eine allumfassende Entwicklung sind die richtigen Fragen an das Leben. Es geht darum, das Leben zu begreifen, kontrollierbar zu machen und mitzugestalten.

Und dazu braucht es mehr als lineares Lernen.

Natürliches Wachstum, das Aufsammeln von Eindrücken und Erlebnissen, ausgesprochene oder unausgesprochene Fragen, die sich daraus ergeben, führen uns in einen Lern- und Reifeprozess. Während Wachsen und Lernen ein irgendwie aufstrebender Vorgang ist, vollzieht sich das Reifen eher in einer Ebene, machnchmal sogar während einer tiefen seelischen Krise. D.h. nach anfänglichen Lernerfolgen folgt oft eine Phase der Stagnation, in der kein weiterer Fortschritt sichtbar ist. Eher scheint es da manchmal sogar einen Rückschritt zu geben. Jeder, der einmal versucht hat, Aikido oder Tango tanzen zu lernen, weiß, wovon ich rede.

Stagnation als innerer Reifeprozess

Diese Phase der Stagnation oder des scheinbaren Rückschritts ist die Zeit, in der sich alles bisher Erlernte zu einem neuen Bild der Wirklichkeit zusammenfügt. Geduld ist hier gefragt, und Durchhaltevermögen.

Dann erst, wenn das bisher Gelernte verankert und integriert ist, wird wieder Energie frei, um sich neuen Horizonten zuzuwenden.

Und manchmal, ganz plötzlich ergibt sich dann noch einmal ein Blick auf eine früher erlebte Situation und wir sehen sie nun ganz anders, in einem neuen Licht. Eine solche Entwicklung ist durch die Bilder a) bis c) künstlerisch symbolisch angedeutet.

Dass das Verstehen manchmal so plötzlich kommt, hängt vermutlich mit der spiralförmigen Entwicklung von Leben zusammen. Bestimmt kennst Du das auch: Wir durchlaufen im Leben immer wieder dieselben Schleifen an Erfahrung und Verhalten, bis irgendetwas in uns „Klick“ macht, ein altes Programm sich aufzulösen beginnt und Platz schafft für etwas Neues.

Der Unterschied zwischen Verstehen und Nichtverstehen ist dabei ein plötzlicher, der sich sehr schwer definieren lässt.“  Albert Einstein

Aikido ist verschmelzen und sich wieder lösen

Im Aikido verschmelzen Angreifer und Verteidiger für eine gemeinsame Bewegung um ein gemeinsames Zentrum, um sich danach wieder zu lösen.

Zwei Wirkungsbereiche verschmelzen zu einem neuen, indem neue Erkenntnisse möglich sind, entweder durch Fallen, durch Ringen oder durch Lenkung der Kraft in andere Bahnen.

Nicht immer sind uns die Erkenntnisse sofort bewusst. Und doch geschieht Entwicklung immer. Vielleicht schauen wir irgendwann zurück und stellen erfreut fest, dass wir inzwischen viel mehr in der Lage sind, unsere Energie effizient ins Leben zu investieren. Und ist es nicht das, was wir im Leben lernen sollen? So zu leben, dass uns das Leben auch Energie zurückgibt, anstatt immer mehr raubt?

Ist nicht jeder Mensch wie ein eigenes Universum?

Man sagt, Morihei Ueshiba, der Erfinder des Aikido, hat die Ausführung der Bewegungen von den Planetenbahnen abgeschaut. So konnte er eine Kampfkunst entwickeln, die die Menschen wieder auf den Pfad der Harmonie und des Friedens anstatt in die Spirale von Gewalt und Gegengewalt führt.

Ob das wirklich wahr ist, kann ich nicht beurteilen. Wir alle lernen aus unterschiedlichen Zusammenhängen – so jedenfalls ist meine Erfahrung. Ueshiba lernte offensichtlich aus kriegerischen Auseinandersetzungen genauso wie aus der Beobachtung und Fürsorge für die Natur sowie aus den kosmischen Bewegungen an sich. Seine Erkenntnis war ganz offensichtlich die: Dem Fluss des Lebens zu folgen, bedeutet, den universellen Gesetzen zu folgen.

Und ist nicht jeder Mensch symbolisch gleichzusetzen mit einem ganz eigenen Universum?

Be yourself   –   Sei Dein eigenes Selbst

„Be yourself“ sagte ein von mir sehr geschätzter Aikido-Lehrer einmal zu mir. Allmählich begreife ich, was er damit meinte. Sei Du selbst, sei Dein eigenes Selbst ist eine Aufforderung zum Werden, und zwar so, wie das Universum mich ursprünglich gemeint hat.

Wenn es im Aikido darum geht, Körper, Geist und Seele wieder in die Einheit zu bringen, so hört sich das zwar gut an, ist aber wirklich nicht einfach zu verstehen. Zu oft sind diese Begriffe von Menschen benutzt worden, die sie selbst nur aus Büchern aufgeschnappt haben. Mir selbst ging das früher nicht anders.

Aikido ist anders als ein Kampf im Außen

Und genau das macht Aikido so wertvoll: Durch das Training mit vielen verschiedenen Übungspartnern sind wir herausgefordert, jede Situation neu zu betrachten, wach zu sein, dran zu bleiben, nichts persönlich zu nehmen und uns doch ganz genau mit der eigenen Persönlichkeit auseinanderzusetzen. Es ist nicht nur ein äußerer Kampf. Vielmehr ist es ein innerer Kampf, dem sich die Übenden da stellen.

Wie bei einem Kreisel geht es dabei darum, die eigene innere Achse zu finden und zu stabilisieren. So finden wir unseren Weg aufrecht um die eigene Achse gleitend durch den Raum aller Möglichkeiten. Das Fallen und wieder Austehen gehört dabei ganz harmonisch mit dazu. Diejenigen, mit denen Du im Austausch sein möchtest, ziehst Du so immer wieder in Dein Zentrum, und diejenigen, die auf Ablehnung aus sind und nicht bereit oder in der Lage für einen fruchtbaren Austausch, werden so wieder hinauszubefördert.

Aikido ist wie eine Heldenreise

Es geht im Leben nicht darum, in den einzelnen Disziplinen gut und ansonsten im Leben ein angenehmer Mensch sein zu wollen. Es geht in Wahrheit um viel mehr:  „Ich bin“  ist ein Akt des Werdens. Es ist eine Heldenreise.

Wahres Aikido ist deshalb eine Art Heldenreise durch den Dschungel der vielen Wege hin zu dem Weg, der wirklich Dein eigener im Einklang mit dem Universum ist. Und das ist nichts Geringes als ein Weg, eins zu werden mit dem Universum und zwar auf Deine ganz einzigartige Weise.

Ups, harter Tobak, was?

Ich denke, allein die Größe dieses Gedankens ist Grund genug, uns und anderen immer wieder die Fehler zu verzeihen, die uns auf dieser Reise unterlaufen. Umwege sind zum Lernen da. Und verzeihen heißt nicht ignorieren. Es geht ums Erkennen, und darum, eine neue Entscheidung daraus zu treffen.

So, wie das Fallen im Aikido wahre Freude und Grund zu einem bewussten Neustart ist, so sollten wir auch im Leben alle Herausforderungen sehen, um noch einmal einen Neustart zu wagen, es besser zu machen, weiter zu sehen, Neues zu integrieren.

 

Aiki lässt sich nicht erschöpfen

im Niedergeschriebenen oder im Gesprochenen.

Ohne leeres Geschwätz zu betreiben,

versteht durch Üben!

 

Aus: „Der Geist des Aikido“, von Kisshumaro Ueshiba, dem Sohn des Begründers des Aikido.

 

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Dann interssieren Dich vielleicht auch die weiteren Beiträge zu den Aikido-Prinzipen für unser Leben.
Alle Beiträge stehen unter dem Motto:
„Führen und sich führen lassen – worauf es im Leben wirklich ankommt“.

Die Teile 1-5 behandeln folgende 5 Prinzipien:

1. Prinzip: Gewaltlosigkeit
2. Prinzip: Effektiver Wirkungsbereich
3. Prinzip: Kreis- bzw. spiralförmige Bewegungen
4. Prinzip: Verbunden sein
5. Prinzip: Ki – Die Universelle Lebensenergie

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