Warum tut Liebe weh?

Heute schreibe ich über die Liebe und das Herz. Ein gewagtes Thema, hat doch im Grunde jeder etwas dazu zu sagen, seine ganz eigenen Vorstellungen, seine ganz eigenen Erfahrungen – schöne wie schmerzreiche.

Da ist auf der einen Seite die süße, sinnliche, wertfreie, fließende, frei lassende, wärmende, wohltuende, umhüllende, gedeihende und erfüllende Liebe und auf der anderen Seite der Schmerz, der Hass, die Angst, das Leid, der Verlust und der Mangel ….

Wieder ist da dies Mysterium des Menschseins: Wir kommen alle aus der Einheit und leben doch auf der Erde in ständiger Spannung zwischen den verschiedenen Polen.

Kaum haben wir die Liebe gefunden, haben wir auch schon wieder Angst, sie zu verlieren.  Oder wir sind uns unsres Partners ganz sicher, doch fehlt es dafür an Leidenschaft. Ja, was jetzt?

Auch hier gilt wieder: Liebe ist Leben ist Bewegung und: Lieben ist eine Kunst.

Heute wage ich also, über das schönste und schwierigste Thema des Menschseins zu schreiben: Über die Liebe.

Alle wollen sie, alle kennen sie, kaum einer ist voll davon. Manchmal tut sie weh, manchmal hebt sie Dich in den Himmel und manchmal wirkt sie fast zerstörerisch. Aber ist es dann wirklich Liebe?

Da, wo Liebe wirklich fließt, strahlen die Menschen es auch aus. Ein Leuchten und eine Harmonie geht von ihnen aus, die wie magisch anziehend auf andere wirkt.

 

Wer die Wahl hat, wählt die Liebe.

Oder doch nicht?

In letzter Zeit haben mich folgende Fragen an die Liebe erreicht:

  • Wie kann ich sie empfinden?
  • Wie kann sie weh tun? Wie verletzlich machen?
  • Kann ich mich vor ihr oder den damit verbundenen Schmerzen schützen?
  • Und ist das überhaupt sinnvoll?
  • Oder geht es darum, Liebe geschehen zu lassen?
  • Immer wieder höre ich „Angst oder Liebe“: Geht es etwa darum, die richtige Wahl zu treffen?

Das alles sind bedeutsame Fragen, die jeden Menschen im Laufe seines Lebens einmal beschäftigen. Sie zu beantworten ist nicht einfach, sie erschöpfend zu beantworten sicherlich nicht möglich, und den Versuch einer Antwort darauf zu wagen ist aus meiner Sicht nicht sinnvoll, ohne auf das zugrundeliegende Welt- und Menschenbild einzugehen.

Mein Weltbild ist zugleich auch der Kernsatz meines letzten Blogartikels: „Alles ist Eins“ und „Alles ist mit allem verbunden, insbesondere auch mit seiner anderen Seite“.

Wer also zu einer wirklich großen Liebe fähig ist, ist auch fähig, einen wirklich großen Schmerz zu empfinden.

Doch die Liebe ist ein weites Feld. Natürlich, denn das gesamte Leben besteht aus Liebe – so der so. Das untenstehende Bild ist nur eine Andeutung dessen, was es da alles zu betrachten gibt.

 

Wie kann ich die Liebe empfinden?

Auf die erste Frage „Wie kann ich die Liebe empfinden“, möchte ich deshalb antworten: Indem ich alles, was mir begegnet in mir aufnehme, alles wahrnehme und fühle, was es zu fühlen gibt. Und bei allem frei von Bewertung bleibe. Das ist die Liebe als Empfindung.

Aber in Wahrheit ist die Liebe viel mehr als eine Empfindung.

Irgendwann, ist da eine tiefe immerwährende Freude, die mich alles als ein Wunder betrachten lässt. Das ist das Betrachten der Welt durch die Augen der Liebe.

Nach meiner Erfahrung ist das aber für die meisten Menschen nicht der Alltag.  Um da hinzukommen, müssen die meisten Menschen in ihrem Leben zunächst viel erleben, viel durchleiden, viel in sich selbst erlösen und viel begreifen, um diese Art der Liebe empfinden zu können. Davor kommt tatsächlich der Schmerz, bzw. der Wechsel zwischen „Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt.“ Und ganz hört das wohl nie auf.

Aber beschränken wir uns zunächst auf das, was wir in zwischenmenschlichen Beziehungen erleben können und gehen der Frage nach: Wie kann Liebe weh tun?

 

Liebe macht verletzlich

Wie kann es sein, dass ich jemanden liebe und zugleich dabei so große Schmerzen empfinde? Warum bin ich so verletzlich in der Liebe?

Im Verliebtsein sehnen wir uns nach Verschmelzung. Nach dem Zustand der Einheit, aus der wir alle kommen. Wir öffnen uns und haben das Bedürfnis alles mit dem andern zu teilen. Sich öffnen bedeutet aber auch, den Schutzpanzer vor zu viel Nähe herunterzufahren und zu riskieren, dass meine wunden Stellen, meine unerlösten Themen sichtbar werden. Ich zeige mich dann wie ich bin, unperfekt und möglicherweise unsouverän. Habe ich beispielsweise durch meine Prägung in der Kindheit die Botschaft „Sei perfekt“ eingespeist bekommen, so komme ich hier bereits zum ersten Mal in Stress.

Und tatsächlich kann nicht jeder würdigen und es als ein das als ein großes Geschenk erkennen, wenn sich jemand auf diese Weise öffnet. Manche bleiben einfach in der Wertung hängen oder gar in Ignoranz. Dieser Gefahr setzen wir uns dann aus. Dass jemand mit mir nicht wertschätzend umgeht in einer Situation, wo ich es am allermeisten nötig hätte. Werde ich hier nicht mitfühlend behandelt, tut das ganz besonders weh.

 

Intimität ist mehr als körperliche Nähe

Dabei ist genau diese Situation von Intimität auch eine große Chance zur Heilung. Körperliche Nähe und Akzeptanz allein reicht nämlich nicht, um mir das Gefühl von geliebt sein zu geben. Liebe umfasst alle Bereiche des menschlichen Seins: Körper, Geist und Seele. Und auf all diesen Ebenen will ich geliebt und akzeptiert werden. Und dazu muss ich auf all diesen Ebenen mich öffnen und angenommen werden.

Um es mit den Worten von Martin Buber zu sagen: „Der Mensch wird am Du zum Ich.“

Tatsächlich ist der Mensch ein soziales Wesen mit ganz bestimmten Beziehungsbedürfnissen. Dazu gehört das Bedürfnis geliebt zu werden, das Bedürfnis selbst jemanden zu lieben und das Bedürfnis sich lieben zu lassen. Der letzte Punkt ist für viele gar nicht so einfach. Oft wird ein Beziehungsangebot gar nicht erkannt, die dargebotenen Gaben nicht geschätzt, vielleicht sogar als Einmischung oder Bevormundung interpretiert – und manchmal ist es das ja auch. Jede Kultur hat ihre eigene Art der Interpretation.

Und deshalb hinterlässt unsere Geschichte manchmal seltsame Spuren in uns:

Dann lehnen wir liebevolle Zuwendung gerade da ab, wo wir sie am nötigsten hätten, oder wir kleben an ungesunden Beziehungen aus Angst, etwas Schreckliches würde passieren, würden wir sie verändern wollen oder gar beenden.

Warum nur ist das heilsame Geben und Nehmen in Beziehungen oft so schwer?

Ich glaube, auch hier beginnt wieder alles mit Achtsamkeit, mit Wahrnehmen und Anerkennen dessen, was ist. Mit Sehen, Fühlen, Riechen und vor allem mit Zuhören. Bei sich sein und gleichzeitig beim Anderen ist eine hohe Kunst. Nur wenige beherrschen sie. Diejenigen aber, die sie beherrschen, genießen im Allgemeinen großes Vertrauen bei anderen, weil sie in der Lage sind, wesentliche Botschaften und Bedürfnisse zu erkennen. Und das ist der Schlüssel: Es muss ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden. Für eine heilsame Beziehung muss die Erfahrung gemacht werden, ich kann vertrauen, in mich wie in Dich.

Und damit ist auch klar, dass es bei Liebe nicht nur um die Beziehung zu anderen Personen geht, sondern sie beginnt mit einer guten Beziehung zu mir selbst. Wer sich selbst gut kennt, und auch in schwierigen Zeiten in der Lage ist, sich selbst ein guter Freund zu sein, kann auch für andere ein guter Begleiter sein, ohne sich von ihnen abhängig zu machen.

Und dann ist da noch das Bedürfnis nach Vergewisserung. Eine Beziehung will immer wieder bestätigt werden: Bist Du noch da? Bst Du noch immer bereit, mich zu lieben und von mir geliebt zu werden? Mich wohlwollend zu empfangen, aufzunehmen und meine Gaben entgegenzunehmen, auch dann, wenn ich mich weiterentwickle?

Das Gefühl von Zugehörigkeit will immer wieder bestätigt werden. Nur so kann eine echte Beziehung heilsam und lebendig werden. Es reicht nicht zu heiraten, und dann geht jeder seiner Wege.

Dieser Punkt war immer schon der Schwierigste: Eine Beziehung, die sich nicht verändert und in der die Partner nicht miteinander ringen, wird auseinander gehen. Heute leichter als früher.

Das Bedürfnis nach Vergewisserung ist gerade in unserer heutigen, schnelllebigen Zeit ein ganz zentrales Thema. Wir sollten uns dafür nicht schämen, auch wenn uns das manchmal suggeriert wird.

Genau dieses Bedürfnis nach Vergewisserung, dass der andere noch da ist, meine Zuneigung erwidert und mir seine schenkt auch dann, wenn ich mich entwickle und verändere, kann zu großen Schmerzen führen, wenn es nicht erfüllt wird. Nicht nur in Liebesbeziehungen, doch da besonders, denn hier haben wir uns im Idealfall geöffnet und verletzlich gemacht.

 

Wir sind nicht krank, nur weil wir Schmerzen haben

Und ja, es darf weh tun, wenn dieses Bedürfnis verletzt wird. Deshalb sind wir nicht krank. Die Frage ist nur: Wie gehen wir mit diesem Schmerz um? Sind wir bereit, ihn zu fühlen, seine Botschaft zu empfangen, darüber zu kommunizieren und dem Anderen zuzuhören oder versinken wir mit ihm wie ein Ertrinkender oder eine Ertrinkende und suchen händeringend bei Anderen nach einem Strohhalm, nur um nicht unter zu gehen.

Die Botschaft, die der Schmerz uns bringt ist häufig die Erinnerung an früher erlebte Gefühle des Verlassenwerdens, des nicht gut genug zu Seins, des Verrats, ….

Sie sind deshalb nicht gut oder schlecht. Sie sind einfach da und werden wesentlich leichter ertragen und wieder entlassen, wenn beide, ich und mein Gegenüber liebevoll darauf blicken.

Heilung braucht Zeit und liebevolle Zuwendung. Jemand, der bereit und in der Lage ist, sich von dem Geschehen genauso betroffen machen zu lassen, der mitfühlend ist, ohne selbst mit zu leiden, jemand, der Zuwendung gibt und die Welt des anderen mitfühlend versteht, ohne in sie selbst einzutauchen, ist dabei ein großes Geschenk und wertvolle Unterstützung.

Liebe tut weh, weil sie unsere intimsten Wunden berührt. Eine bisher unerhörte Geschichte will endlich gehört und gesehen werden.

Und darin liegt auch schon die Antwort auf die Frage: Kann ich mich vor den Schmerzen der Liebe schützen? Und ist das überhaupt sinnvoll?

 

Kann ich mich vor den Schmerzen der Liebe schützen?

Schützen kann ich mich nur, indem ich der Liebe aus dem Weg gehe. Damit gehe ich aber auch mir selbst aus dem Weg, spalte meine Seele von meiner Person ab, schließe mich selbst aus meinem Leben aus.  Menschen, die das tun, gehen wie gepanzert durchs Leben, oft gelten für sie nur Zahlen, Daten, Fakten. Solche Menschen tun das, wovon sie glauben, es sei nach öffentlicher Meinung das Richtige, ohne sich selbst jemals richtig kennengelernt zu haben.

Um sich selbst wirklich erkennen und leben zu können, muss der Panzer aufgebrochen und das Risiko des erneuten verletzt Werdens in Kauf genommen werden. Wirklich Sinn macht es also nicht, sich vor den Schmerzen der Liebe zu schützen. Meist wird dadurch nur eine weitere Schleife der Wiederholung von der Wiederholung …. eingeleitet.

Irgendwann aber ist jede Seele bereit dazu, sich nun den alten Geschichten zu stellen. Und dann kann eine Liebe, die wir erfahren auch deshalb weh tun, weil wir dieses Gefühl so lange vermisst und ausgeschlossen hatten. Die Wunde im Herzen wird berührt. Und das tut manchmal genauso weh wie Liebeskummer.

Es stimmt, dass jeder selbst für seine Gefühle verantwortlich ist. Aber natürlich werden sie durch das Verhalten des Partners und der Umgebung beeinflusst. Und für die Heilung kann es entscheidend sein, ob mir mein Partner auch dann, wenn ich meine Schmerzen zeige, in liebevoller Verbundenheit begegnet oder nicht.

Entscheidend aber ist, ob ich selbst den Mut aufbringe, die Schmerzen zu fühlen, ihnen selbst liebevoll zu begegnen und mir selbst zu vertrauen, dass ich sie aushalten kann. Und manchmal braucht es dafür auch professionelle Begleitung.

Und das ist auch schon die Antwort auf die Frage: „Ist Angst oder Liebe etwa eine Wahl?“

Meine Antwort ist „Ja!“. Wir haben die Wahl. Wir können die Entscheidung treffen und wir tragen die Verantwortung für alle Folgen, auch wenn sie weh tun.

Liebe ist Leben und Beziehung ohne Risiko gibt es nicht!

Die Wahl ist aber nicht „Schmerz oder nicht Schmerz“, sondern „Leben oder das Leben unterdrücken“. Und doch dürfen wir dabei unseren Verstand gebrauchen und auch ein bisschen steuern, in welche Situationen wir uns hineinbegeben oder besser doch nicht. Eben weil wir die Verantwortung für uns haben. Wenn wir erkennen, dass wir gerade dabei sind, die Wiederholung von der Wiederholung, von der Wiederholung, …. zu erleben, spätestens dann ist es Zeit für neues Denken und eine neue Entscheidung mit Richtungsänderung.

Selbstliebe ist also etwas ganz Elementares, wenn es darum geht, die Liebe wirklich zu bereifen. Im Grunde ist sie der Schlüssel zur Alchemie, die in der Lage ist aus schwerem Blei himmlisches Gold zu machen:

 

Der Chemiker, der aus den Elementen seines Herzens Leidenschaft, Achtung, Sehnsucht, Geduld, Bedauern, Überraschung und Vergebung ausscheiden und in einer Verbindung zusammenbringen kann, hat das Atom geschaffen, das Liebe heißt.

Kahlil Gibran

 

Wie siehst Du die Liebe? Schreibe mir gerne deine Meinung dazu. Ich freue mich auf jede Rückmeldung an:

as@astridschellenberger.com

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Herzliche Grüße,

Astrid